Sehr verehrte Damen und Herren, und alle dazwischen und außerhalb!
Wer das Format „ZDF Magazin Royale“ kennt, kennt auch die Anrede, mit der Jan Böhmermann die Zuschauer wöchentlich begrüßt. Das klingt umständlich, vor allem wenn er in einer Sendung die Redewendung mehrmals verwendet. Sehr verehrte Damen und Herren, und alle dazwischen und außerhalb! Was ist das? Provokation, Ironie? Wahrscheinlich beides. Längst haben wir uns daran gewöhnt, wenn bei einer Stellenausschreibung in Klammern die Kürzel w, m, d für weiblich, männlich, divers stehen.
Sehr verehrte Damen und Herren, und alle dazwischen und außerhalb. Die Anrede suggeriert, dass die Mehrheit sich eindeutig als Mann und Frau fühlt. Aber es gibt eben auch queere Menschen, die sich als dazwischen oder außerhalb fühlen. Ein emotionales Thema, das sogar politische Wahlen beeinflussen kann. Gerade auch die Kirchen fühlen sich gedrängt, Stellung zu beziehen, nicht zuletzt, weil doch die Bibel selbst nur Männer und Frauen zu kennen scheint.
Dabei verändern sich die Grenzen durchaus. Früher war Homosexualität umstritten (gerade auch in unserer Kirche), heute ist sie weitgehend akzeptiert, da geht es mehr um Transgender-Identitäten. Was an solchen Diskussionen grundsätzlich auffällt ist, dass wir so sehr Eindeutigkeit lieben. Natürlich ist es gut, wenn Klarheit herrscht in dem, worauf es ankommt. Aber Klarheit und Eindeutigkeit sind nicht dasselbe. Das Streben nach Eindeutigkeit ist unrealistisch, manchmal auch gefährlich.
Wem es um Eindeutigkeit geht, stellt vier oder fünf Kriterien auf und wer die erfüllt, ist eine richtige Frau, ein guter Schüler, eine echte Deutsche, ein richtiger Christ oder was auch immer. Alle anderen fallen raus! Gehören nicht mehr dazu, werden ausgegrenzt. Frauen sind für die Kindererziehung zuständig, echte Deutsche dürfen keine fremden Gewohnheiten haben und und und. Dabei wissen doch alle, Leben ist bunter als unsere Vorstellungen vom Leben. Wie gäbe es die überwältigende Vielfalt an Lebensformen überall in der Natur ohne Abweichungen?
Doch nicht nur die Natur, auch die Bibel selbst ist voller Uneindeutigkeiten. Diejenigen, die im 1. Jahrhundert nach Christus entschieden, der Bibel die Gestalt zu geben, die wir heute kennen, hatten keine Probleme, zwei Schöpfungsgeschichten nebeneinander zu stellen, die sich in ihren Angaben eindeutig widersprechen. Wir haben vier Evangelien, die viele Unterschiede aufweisen. Wer Jesus für die Menschen war, wird nicht an allen Stellen gleich interpretiert. Die Bibel ist so vielfältig und uneindeutig wie das Leben selbst. Das macht sie auch heute noch so lesenswert.
„Und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie.“ In ein paar Monaten werden wir in den Gottesdiensten überall wieder diesen Vers hören. Um sie, das sind die Hirten, denen der Engel erscheint und die von der Geburt Jesu hören. Verstanden haben sie wohl nicht, was da geschah. Dasselbe gilt auch für Maria, aber die Klarheit Gottes umfing sie. Klarheit, Durchsichtigkeit für Gott, den Schöpfer der Vielfalt des Lebens. Klarheit für das, worauf es ankommt.
„Gott schuf sie als Mann und Frau und segnete sie und gab ihnen den Namen Mensch“, heißt es in Gen 5,2. Gott schuf den Menschen in seiner Vielfalt, als Mann und Frau. In dieser Differenz liegen alle anderen Differenzen eingeschlossen, die es zwischen uns Menschen gibt. Jung und alt, unterschiedliche genetische Merkmale, keine zwei identischen Fingerabdrücke in der Menschheitsfamilie, verschiedene Vorstellungen vom Leben, Religionen und Weltanschauungen. Dieser Vielfalt gab Gott den Namen Mensch! Was für eine Katastrophe, was für ein Versagen sind da Kriege, Sklaverei, Femizide, sexueller Missbrauch, Fremdenhass … Wir Menschen sind alles andere als eindeutig, aber wir tragen alle den Namen „Mensch“, offen und empfänglich für die Schöpferkraft Gottes, die überall durchscheint. Klarheit ist nicht Eindeutigkeit, Klarheit hilft, die ganze Vielfältigkeit des Lebens anzunehmen, Vieldeutigkeit zuzulassen, auch in meinem eigenen Leben.
Vielleicht ist es ja so, dass Menschen dann Eindeutigkeit brauchen, wenn sie keine sichere Grundlage haben, auf der sie stehen können und die ihnen hilft, das Widersprüchliche auszuhalten. Menschen, die autoritäre Führer lieben und brauchen, selbst wenn diese ihr Leben nicht verbessern, sind wohl eher vom Leben verunsichert. Sie vertrauen einfachen Parolen, selbst wenn sie nicht praxistauglich sind. Ganz anders der Gott, dem wir in der Bibel, dem wir bei Jesus begegnen. Er gibt Orientierung, ist aber kein autoritärer Führer. Er nimmt uns nicht die Unsicherheiten des Lebens ab, aber schenkt uns das Vertrauen, dass wir in dem ganzen Durcheinander einen Weg finden werden.
Paulus sprach in seiner Predigt in Athen: Gott ist nicht ferne von einem jeden unter uns. In ihm leben, weben und sind wir.“ Mit dieser Klarheit können wir in diesem bunten, manchmal auch chaotischen Gewebe unseren Weg zu Gott und in unser Leben finden.

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